Hermann Zickert (1884-1954) verfasste 1924 Tipps für Investoren

 

Ob Banken, Vermögensverwalter oder Finanzanalysten – sie alle versorgen Anleger gegen Ende Jahr besonders gerne mit Tipps und Ratschlägen für die nächste Börsensaison. Vieles davon ist nicht neu, sondern oft nur alter Wein in neuen Schläuchen. Ein Novum dürften solche Investorenregeln vor über 80 Jahren gewesen sein – genauer 1924, als der deutsche Börsenpionier Hermann Zickert * seine «Acht Gebote der Finanzkunst» veröffentlichte. Der Untertitel seines Handbuchs lautete: «Alles, was jeder wissen muss, der ein Vermögen erwerben oder vermehren will.» Die meisten seiner Gebote über das Geldanlegen sind heute noch gültig, obwohl sich die Mittel der Kommunikation und die Art der Nachrichtenverbreitung an den Finanzmärkten seit damals drastisch verändert haben. Einige Beispiele der zickertschen Empfehlungen:

Streben Sie nach Rendite, nicht nach Kursgewinn! «Je grösser die Sicherheit einer Kapitalanlage, desto geringer ist die Aussicht auf eine Vermehrung. Und ebenso umgekehrt. (...)» Mit andern Worten: Mehr Rendite heisst für einen Anleger immer mehr Risiko – egal, ob die Verkäufer von Finanzanlagen einem Investor das Gegenteil weismachen wollen. Das eierlegende Wollmilchschwein wurde von der Branche noch nicht erfunden.

Fragen Sie nicht Ihren Bankier um Rat! «Es mag in Deutschland noch einige alte Bankiers geben, die sich ganz als Vertrauensperson der Kunden fühlen, deren Vermögen sie zu verwalten haben. Sie arbeiten im Interesse des Kunden, prüfen für diesen alle neuen Anlagemöglichkeiten und berechnen sich für ihre Tätigkeit eine mässige Vergütung. Aber diese Sorte Bankiers stirbt aus. Vergessen Sie auch nicht, dass die meisten Bankangestellten und Bankiers selbst an der Börse spekulieren.» Es mag in der Schweiz ... Fortsetzung siehe oben.

Handel an der Zürcher Börse in den Dreissigern
Bild:  Handel an der Zürcher Börse in Zürich ano 1930

Kaufen Sie nur marktgängige Sachen! «Die Börsenfähigkeit ist der Gipfel der Marktgängigkeit. Es gibt aber zweierlei Börsenfähigkeit. Die eine ist der amtliche Verkehr. Aber auch da ist nicht alles marktgängig, was im Kurszettel verzeichnet ist. Einzelne Papiere kann man wohl kaufen, wird sie aber schlecht wieder los. Ein gefährliches Ding ist der so genannte Freiverkehr. Diese Effekten werden zwar in Börsenräumen gehandelt, aber ihre Kurse werden nicht durch einen vereideten Makler notiert.» Wie viele Investoren machen sich bei einem Aktienkauf darüber wohl ernsthaft Gedanken: Wird die Anlage ausreichend gehandelt und ist sie so liquid, dass man sie im Notfall – vielleicht mit Verlust – aber noch verkaufen könnte?

Lassen Sie sich nicht durch Versprechungen blenden! «Es ist merkwürdig, wie viel Menschen nur auf grosse Versprechungen hin ihr Geld verlieren. Und es sind oft sonst kluge Leute. Eine ganze Gruppe von Leuten liegt stets nur auf der Lauer, um die Habgier ihrer Mitmenschen auszubeuten. Das Werkzeug dazu sind grosse Versprechungen, ist die Erweckung grosser Hoffnungen. Seien Sie deshalb mit Ihrer Kapitalanlage um so vorsichtiger, je grössere Gewinne in Aussicht gestellt werden.» Eine zeitlos gültige Anlageregel – und jene, gegen die Investoren am häufigsten verstossen.

Prüfen Sie, bevor Sie kaufen! «Man soll überhaupt niemals etwas kaufen, was man nicht kennt, oder worüber man sich nicht wenigstens an zuverlässiger Seite genau orientiert hat. Lassen Sie sich niemals drängen! Wenn Ihnen jemand sagt, dass Sie sich unbedingt sofort entschliessen müssen, ehe Sie sich erkundigen können, dann verzichten Sie lieber auf den Kauf.

Rennen Sie nicht hinter den Papieren her, wenn die Kurse steigen! Hüten Sie sich vor Nonvaleurs, in denen zufällig eine Spekulation steckt.» Trotz des langen Börsenaufschwungs – viele Anleger werden sich noch an den Jahrhundertcrash und die grossen Verluste in ihren Portefeuilles erinnern. Versäumen Sie nicht den rechtzeitigen Verkauf! «Eine Binsenwahrheit lautet, dass man in der Baisse kaufen und in der Hausse verkaufen soll. Die meisten Kapitalisten, die keine grosse Erfahrung besitzen, erleiden dadurch Verluste, dass sie nicht genug kriegen können und bei dem Streben nach Viel das Weniger einbüssen.» Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

ANALYSE-PIONIER

Hermann Zickert (1885–1954) wurde in Eisleben (Bezirk Halle) geboren. Er promovierte an der Bergbau-Universität Freiberg (Sachsen) und war Redaktor beim «Berliner Tageblatt». 1931 zog er in seine neue Wahlheimat Vaduz. Als Analyst und Börsenexperte veröffentlichte er viele Publikationen, darunter 23 Jahre den «Spiegel der Wirtschaft ».

Hermann Zickert (1885-1954)